Freiwilligenarbeit

«Das isch ganz ä gioti Sach»

Zwei Tage im Monat engagiert sich der Sachsler Lukas Joller als Freiwilliger im Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes. Für einmal fährt er aber nicht selber, sondern lässt einen besonderen Gast ans Steuer. Eine Fahrt der Freude.

Von Christian Hug

In der engen Stadtluzerner Gibraltarstrasse herrscht Einbahn- und Feierabendverkehr. Nur vor der Stiftung Contenti, dem Bürozentrum für Menschen mit Behinderung, gibt es Platz genug, um rechts ranzufahren. Deborah Rötheli wartet hier bereits auf ihren Chauffeur. Heute ist das Lukas Joller, die beiden kennen sich seit vier Jahren, seit Lukas regelmässig Freiwilligen-Fahrdienst beim Schweizerischen Roten Kreuz Kantonalverband Unterwalden (SRK Unterwalden) leistet. «Sali Debi, wie war dein Tag heute?», begrüsst Lukas seinen Fahrgast. 

Die heute 32jährige Deborah Rötheli erlitt mit 19 Jahren bei einem Velounfall in ihrem Wohnort Sarnen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Eine halbseitige Lähmung und schwere Beeinträchtigung der Motorik sind bis heute die Folgen. Auch das Sprechen bereitet ihr grosse Mühe, doch Lukas kann sie gut verstehen, er hat Übung. «Schau, wen ich heute mitgebracht habe», sagt Lukas und zeigt auf Margrit Koch. Deborah ist sichtlich erfreut, und zwar aus doppeltem Grund: Einerseits lernt sie gerne neue Leute kennen. Anderseits ist Margrit Koch CEO der Obwaldner Kantonalbank, wo Deborah vor ihrem Unfall ihre Lehre als Kauffrau absolvierte. Bis heute ist Deborah Fan der Obwaldner Kantonalbank geblieben. Die beiden kommen schnell miteinander klar.

Warum Margrit Koch heute selber mitmacht beim Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes? «Weil die Freiwilligen des SRK Unterwalden mit ihrem Fahrdienst sehr wertvolle Arbeit leisten – das ist eine wirklich gute Sache», sagt sie. Seit drei Jahren unterstützt die Obwaldner Kantonalbank das SRK Unterwalden finanziell als offizielle Partnerin. Dann ergänzt Margrit Koch: «Und weil ich ganz einfach schon lange mal selber fahren wollte.» 

Gesagt, getan. Margrit setzt sich persönlich ans Steuer, Deborah will wie immer vorne sitzen. Lukas hilft ihr vom Rollstuhl in den Beifahrersitz, verstaut den Rollstuhl im «Laderaum» des Autos VW Caddy und nimmt selber auf der Hinterbank des Fünfplätzers Platz. 

Margrit Koch mit Deborah Rötheli, einer ehemaligen Mitarbeiterin der Obwaldner Kantonalbank.

Während der Fahrt erzählt Lukas von seinem Engagement für den Fahrdienst beim SRK Unterwalden: «Ich war immer sehr zufrieden mit meinem Leben, und als ich vor vier Jahren in Pension ging, war es mir ein Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Ich meldete mich für den Fahrdienst an, und seither bin ich fix zwei Tage pro Monat SRK-Fahrer. Allerdings fahre ich ausschliesslich mit dem Rollstuhlauto.»

Daneben gibt es aber noch den anderen Fahrdienst des Roten Kreuzes, nämlich jenen mit Privatfahrzeugen. Das heisst: Die Freiwilligen fahren mit ihrem eigenen Auto Leute von A nach B, zum Beispiel jemanden mit einem Bein im Gips zum Untersuch ins Spital oder jemand Betagten zur Physio. Diese Fahrerinnen und Fahrer kriegen zwar einen Spesenbeitrag an ihre Privatautos, sie selber aber verzichten wie die Rollstuhlauto-Fahrer auf Lohn. In beiden Varianten bezahlen die Fahrgäste jeweils einen sozialverträglichen Tarif pro Kilometer, das ist wesentlich günstiger als ein Taxi und als Unkostenbeitrag zu werten, denn jemand muss ja all die Fahrten, Fahrer, Fahrerinnen und Fahrgäste koordinieren, die beiden Rollstuhlautos brauchen Unterhalt und Benzin, die Privatfahrzeuge Kilometergeld. Am Ende kommt ganz schön was zusammen: In Obwalden und Nidwalden sind es insgesamt rund 1800 Fahrten pro Jahr mit den Rollstuhlautos, das entspricht im Durchschnitt 28'000 Kilometer mit Fahrgästen oder sieben Fahrten pro Werktag, bewerkstelligt von derzeit 26 freiwilligen Fahrern (zurzeit sind es allesamt Männer). Das zeigt nebenbei: Der Fahrdienst des SRK ist ein wichtiges Angebot im Ob- und Nidwaldner Alltag – da haben wir «die gute Sache», von der die Kantonalbank-CEO Margrit Koch spricht. 

Aber zurück zu Lukas Joller und zur Frage, warum er ausschliesslich Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer kutschiert. «Weil die einem so viel zurückgeben, oftmals viel mehr, als wir ihnen geben können. Ich bewundere, wie sie trotz ihres harten Schicksals ihren Mut und ihre gute Laune nie verlieren.» 
Inzwischen sind wir in Deborahs Wohnort Sarnen angekommen. Das Ausladen (Rollstuhl) und Aussteigen (Deborah) geht mit Lukas’ routinierten Handgriffen problemlos.

Teil des Arbeitswegs

Damit ist der Freiwilligentag von Lukas noch nicht zu Ende. Am Sarner Bahnhof wartet Thomas Ming bereits für seinen Transport zur Stiftung Rütimattli. Auch mit ihm ist Lukas längst vertraut, die beiden begrüssen sich wie alte Freunde. 

Thomas, 28 Jahre alt, leidet seit seiner Geburt an einer zerebralen Parese, einer Schädigung des Gehirns, die Muskeln und Motorik stark beeinträchtigt. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und wohnt im Rütimattli, geht aber selbstständig mit dem Zug von Sarnen ins Bürozenter Contenti, «wäisch, ich mios myys Hirni beschäftigä», sagt er. Bloss die Fahrt vom Rütimattli zum Bahnhof, für die braucht er den Fahrdienst des Roten Kreuzes, am Morgen hin und am Abend her. «Das isch ganz ä gioti Sach», sagt Thomas, er sei sehr froh um diese Dienstleistung. «Und die Fahrer sind alles ganz aufgestellte Leute.» 

Thomas Ming begrüsst Margrit Koch vor der gemeinsamen Fahrt ins Rütimattli.

Dass ihn heute die Chefin der Obwaldner Kantonalbank chauffiert, freut ihn ganz besonders, «wir brauchen jede Freiwillige», kommentiert er. Die Fahrt verläuft, wie man so sagt, reibungslos. Thomas bleibt im Rollstuhl und erzählt von seinem Tag («ich habe Titel von CD`s abgeschrieben, die auf Ricardo gestellt werden»), Lukas lotst Margrit über Schleichwege den Hügel hoch («da vorne links»), und Margrit geniesst ihren Dienst («das gefällt mir gut»). Bevor Thomas im Gebäude seiner Wohngruppe im Rütimattli verschwindet und sich auf das Nachtessen freut, halten alle gemeinsam einen kleinen Schwatz, Thomas macht gerne Witze. 

Mit der Fahrt zurück ins Sarner Dorf endet der Freiwilligeneinsatz, sowohl für Margrit Koch als auch für Lukas.

Heute waren es insgesamt fünf Fahrten. «Es sind immer bereichernde und schöne Tage», sagt Lukas. «Ich bin gerne Freiwilliger beim Roten Kreuz Unterwalden und es hat mich besonders gefreut, Margrit heute einen Einblick in meine Arbeit zu geben.»